{"id":1862,"date":"2015-08-28T12:48:54","date_gmt":"2015-08-28T10:48:54","guid":{"rendered":"http:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/?page_id=1862"},"modified":"2024-05-06T11:15:29","modified_gmt":"2024-05-06T09:15:29","slug":"interview-with-nora-sternfeld","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/?page_id=1862","title":{"rendered":"Interview mit Nora Sternfeld"},"content":{"rendered":"<p>Transcript of the entire interview by Martin Krenn with Nora Sternfeld, Node Gallery Aarhus, 30 Oct. 2014 (German)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Krenn: Beginnen wir unser Gespr\u00e4ch mit dem Begriff des M\u00f6glichen. Du beziehst dich auch h\u00e4ufig in deinen Texten darauf. Welche Perspektiven er\u00f6ffnet dieser Begriff im Zusammenhang mit einer politischen k\u00fcnstlerischer Praxis?<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Ich interessiere mich ja f\u00fcr post-repr\u00e4sentative Strategien, das hei\u00dft, ich besch\u00e4ftige mich mit der Frage, was \u00fcber Repr\u00e4sentation hinaus, vielleicht auch gegen Repr\u00e4sentation, oder innerhalb des Selbstverst\u00e4ndnisses von Repr\u00e4sentation, \u00fcberhaupt in Museen oder Ausstellungen passieren kann. Ich glaube, dass Repr\u00e4sentation gerade dort herausgefordert wird, wo nicht schon vorher klar ist, was passieren soll. Da bewegen wir uns in diesem Bereich des M\u00f6glichen. Wie ja auch bei unserem Gespr\u00e4ch, das nicht detailliert vorbereitet werden sollte und konnte. \u00a0Ich versuche mit dir in diesem Gespr\u00e4ch wohin zu kommen, und nicht schon vorher zu wissen, wo das sein wird. Das meiste, das im Ausstellungsbetrieb stattfindet, ist ja Repr\u00e4sentation. Wie kann es da gelingen Repr\u00e4sentation hinter sich zu lassen und einen M\u00f6glichkeitsraum zu er\u00f6ffnen?<\/p>\n<p>Die andere Sache ist, dass wir uns ja beide fragen, was man \u00fcberhaupt machen kann? Vielleicht kann man ja nicht viel machen. Was machbar ist, ist zumindest das M\u00f6gliche zu verschieben. Ich w\u00fcnsche mir auch, dass das was <em>ist<\/em> verschoben wird. Aber ich glaube, dass in Ausstellungen sehr viel festgeschrieben und eingeteilt ist. Deshalb m\u00f6chte ich daran arbeiten, dass dieses Festgeschriebene aufger\u00fcttelt wird. Das glaube ich, kann nicht stattfinden, wenn ich einfach etwas anderes festschreibe, sondern, wenn etwas entsteht, in dem gemeinsam mit anderen das Festgeschriebene aufger\u00fcttelt wird. Ich begegne in diesem Prozess immer auch meinen eigenen Eingefahrenenheiten, weil ich eine Akteurin in diesem Feld bin, die bestimmte Interessen, Karrierismen und all das verfolgt. Da erhoffe ich mir, dass durch das Aufeinandertreffen mit anderen, die ebenfalls agitatorische Interessen haben, mir dabei geholfen wird meine Eingefahrenheiten hinter mir zu lassen. All das kann in diesem <em>M\u00f6glichkeits-Raum<\/em> stattfinden: Eine Verschiebung von dem, was wir uns vorstellen, was wir sehen, was wir sagen k\u00f6nnen, ein Eingriff in das, was man dieses m\u00e4chtige hegemoniale Archiv nennen kann.<\/p>\n<p><em>Krenn: Das hei\u00dft, der Raum des M\u00f6glichen best\u00fcnde in der M\u00f6glichkeit festgefahrene Strukturen in einer Ausstellungssituation oder einer Institution zu \u00fcberwinden, also auf etwas zu zielen, das dar\u00fcber hinausgehen kann; sich somit nicht mehr den Spielregeln zu unterwerfen, die festlegen, was stattfinden darf\/kann\/soll. Habe ich das richtig verstanden?<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Genau. Es geht darum, wie kuratorische und k\u00fcnstlerische Praxen in Situationen etwas aufbrechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Krenn: Meinst du mit \u201eetwas aufbrechen\u201c, dass dies aus einer Situation heraus, auf eine Art und Weise, wie es von der Situation verlangt wird, passiert. Die Form des Aufbrechens der Situation w\u00e4re somit durch die Situation selbst bestimmt. Wenn wir z.B. eine typische Ausstellungs-Situation hernehmen, dann setzt sich diese aus bestimmten Elementen zusammen: Es gibt einen Raum, meist einen White Cube und eine Institution mit bestimmten Interessen, sowie eine zeitlich Ordnung, die Ausstellung beginnt mit einer Vernissage, sie ist nur zu bestimmten \u00d6ffnungszeiten zug\u00e4nglich und sie endet schlie\u00dflich mit einer Finnisage. Die an der Ausstellung beteiligten Personen setzen sich aus dem Personal, den BesucherInnen, den K\u00fcnstlerInnen, der KuratorIn, den Kunst Vermittlerinnen usw. zusammen. Soll eine solche Struktur aufgebrochen werden, oder ist f\u00fcr dich etwas ganz anderes wesentlich, etwas, das au\u00dferhalb dieser Struktur und Logik liegt?<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Nat\u00fcrlich meine ich etwas, das vor allem au\u00dferhalb dieser Struktur liegt, aber was sich auch in dieser Struktur manifestiert und sedimentiert. Haupts\u00e4chlich geht es mir nicht um das, was in den Institutionen passiert, sondern es geht mir darum, dass in Institutionen \u00fcberhaupt etwas passieren kann, was die Machtverh\u00e4ltnisse (in und au\u00dferhalb des Raums der Institution) in Frage stellt und verschiebt.<\/p>\n<p><em>Krenn: Ginge es dann vor allem darum die Bedingung des M\u00f6glichen zu \u00e4ndern? Da stellt sich die Frage, ob die Bedingungen, die dem Kunstbetrieb zugrunde liegen f\u00fcr ein solches Vorhaben geeignet sind? Das ist eine Frage, die ich mir selbst h\u00e4ufig stelle und sie ist auch nicht rhetorisch gemeint.<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Wie alle anderen Orte, in welchen Einteilungen gemacht und Wahrheiten festgeschrieben werden, ist auch der Kunstbetrieb ein Ort, an welchem entweder die bestehende Ordnung reproduziert, oder in Frage gestellt wird. In diesem Zusammenhang sind Bildungsorte auch ganz wichtige Orte daf\u00fcr. Dazu z\u00e4hlen Schulen und Universit\u00e4ten, aber auch Museen, Ausstellungen, bis hin zu Kirchen. B\u00fccher sind auch solche Orte. Es m\u00fcssen also nicht nur physische Orte sein, an welchen sich Leute treffen. Es kann sich auch um einen Text handeln, das ist ein Ort, die f\u00fcr mich sehr wichtig ist. Auf der anderen Seite kann ich pers\u00f6nlich nicht bei Kirchenbesetzungen mitmachen, auch wenn ich sie f\u00fcr wichtig halte. F\u00fcr mich sind Kirchen einfach nicht so nahe.<\/p>\n<p>Ich verstehe mich als educator, als denkende und als organische Intellektuelle. Es gibt in \u00d6sterreich genug rassistische und antisemitische Selbstverst\u00e4ndnisse in Institutionen, in den Medien usw&#8230;, sowie selbstverst\u00e4ndliche Ungleichheiten, wie z.B. ein ungleiches Bildungssystem, die mich wirklich st\u00f6ren. Dann frage ich mich, ist meine Arbeit daf\u00fcr da, um das zu legitimieren oder um es in Frage zu stellen und zu delegitimieren. Ich finde sie sollten daf\u00fcr da sein, das zu delegitimieren. Ich habe aber Angst, dass ich sie trotzdem legitimiere. Schlie\u00dflich profitiere ich auch bis zu einem gewissen Grad von diesen Verh\u00e4ltnissen, die ich bek\u00e4mpfe. Ich bin\u00a0 zwar von manchem ausgeschlossen, von manchem profitiere ich aber auch. Deswegen sind solche M\u00f6glichkeits-R\u00e4ume f\u00fcr mich wichtig, vor allem, wenn sie es m\u00f6glich machen, durch das Denken mit anderen, die eigenen Eingefahrenheiten zu verlassen, und Dinge zu ver\u00e4ndern, damit sie weniger ungleich, weniger ungerecht und weniger rassistisch und weniger antisemitisch werden.<\/p>\n<p><em>Krenn: Vielleicht gehen wir nochmal zur\u00fcck zu den konkreten Orten, die du genannt hast, und die in diese Kategorie des M\u00f6glichkeits-Raums fallen w\u00fcrden. Das w\u00e4ren dann Bildungseinrichtungen, Kunstvermittlung &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: &#8230; Schulen, Universit\u00e4ten, Museen, Ausstellungen, aber auch Medien, B\u00fccher &#8230;<\/p>\n<p><em>Krenn: Ist die Wahl der Orte in diesem Sinne eine rein pers\u00f6nliche Angelegenheit?<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Ja, rein pers\u00f6nlich &#8230; Ich glaube, ich k\u00f6nnte mir jetzt sehr gut vorstellen, wenn ich aus einem linkschristlichen Kontext kommen w\u00fcrde, dass f\u00fcr mich auch Kirchen Eroberungsorte sein k\u00f6nnten. Die w\u00fcrde ich dann wohl auch kritisieren wollen. Ich w\u00fcrde vermutlich eine antirassistische Refugee-Gruppe bei einer Kirchenbesetzung aktiv unterst\u00fctzen. Die Akademie der bildenden K\u00fcnste in Wien war ja dieses Jahr bei einer Kirchenbesetzung aktiv. So etwas hat also stattgefunden. Die Kirche ist aber ein Ort, an welchem ich mich pers\u00f6nlich \u00fcberhaupt nicht wohl f\u00fchle, nicht zugeh\u00f6rig f\u00fchle und es ist auch kein Ort f\u00fcr den ich eine Zukunft sehe. Anscheinend sind die Orte, die f\u00fcr mich wichtig sind, schon solche, zu denen ich mich auch zugeh\u00f6rig f\u00fchle und wo ich auch daran glaube, dass ich etwas ver\u00e4ndern kann. Das merke ich erst jetzt, w\u00e4hrend wir reden, dass ich nicht nur einen strategischen Zugang habe. Ich w\u00fcrde nicht irgendeinen Ort besetzen wollen, sondern nur einen, wo ich bereits einen Zugang habe, damit ich mich in solidarischer Weise daf\u00fcr einsetzen kann, dass die Verh\u00e4ltnisse weniger ungerecht und ungleich werden.<\/p>\n<p><em>Krenn: Das wird mir auch jetzt erst richtig klar. Offenbar ist die Wahl der Institution nicht von strategischen Gr\u00fcnden geleitet. Ausschlaggebend ist wohl vielmehr unser pers\u00f6nlicher Zugang. Das ist bei mir \u00e4hnlich. Ich bin durch meine fr\u00fchere Arbeit an einer Wiener Alternativschule, der Sch\u00fclerInnenschule, sehr gepr\u00e4gt. Als Sch\u00fcler war ich von dem Buch \u00fcber Summerhill begeistert und konnte es kaum fassen, als ich davon erfuhr, dass es in Wien auch eine Schule ohne Noten gab. Ich habe dann dort zu arbeiten begonnen und \u00fcber zehn Jahre die Erfahrungen gemacht, dass Basisdemokratie und anti-autorit\u00e4rer Unterricht in der Realit\u00e4t funktionieren k\u00f6nnen. Es handelte sich um eine Schule in welcher der Schulalltag von den Jugendlichen gestaltet wurde. Dabei konnte ich auch die konkreten Schwierigkeiten und Probleme, die sich innerhalb so eines basisdemokratischen Schulmodells ergeben, kennenlernen. Da gab es fixe Prinzipien, die sowohl das Konzept des Schulprojektes, als auch seinen Alltag bestimmten, wie zum Beispiel keine Pausenglocke, keine Zeiteinteilung von au\u00dfen, oder keine Noten, auf der anderen Seite, wurde die Schule, ihr Lehrplan, ihre Organisation immer wieder &#8211; vor allem von neu hinzugekommenen Eltern &#8211; in Frage gestellt. Die Schule versuchte zwar weitgehend autonom zu sein, aber sie war nat\u00fcrlich trotzdem von den parallel stattfindenden gesellschaftlichen Entwicklungen im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt abh\u00e4ngig.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber zur\u00fcck zu der Wahl der Orte. Ich suche und w\u00e4hle offenbar genauso wie du Orte, die mit meiner eigenen Lebensgeschichte zu tun haben. \u00a0In Bezug auf die Kirche, kann ich sagen, dass ich zwar in einem gewissen Sinne katholisch erzogen wurde, mich allerdings schon als Jugendlicher damit \u00fcberhaupt nicht mehr identifizieren konnte.<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Hat das etwas damit zu tun, inwieweit diese Aktivismen auch gebunden an die Orte sind, in denen ich ja tats\u00e4chlich eingeschlossen bin? Ich meine nicht eingeschlossen wie im Gef\u00e4ngnis, (obwohl das auch ein Ort w\u00e4re, an dem Aktivismus angebracht ist). Also Orte, wo ich eben nicht ausgeschlossen bin. Dass ich mir ganz bewusst die Orte aussuche, zu denen ich doch eine gewisse Zugeh\u00f6rigkeit erlebe. Und die Orte, in welchen ich diese Zugeh\u00f6rigkeit nicht erlebe, dann auch nicht als meine Erk\u00e4mpf-Orte oder Kampforte sehe. Und das ist halt jetzt die Frage, was bedeutet das? Liegen dort meine St\u00e4rken, geht es vielleicht um meinen eigenen Karrierismus? Was ich wahrscheinlich am meisten glaube ist, dass ich nichts machen k\u00f6nnte, dass mir nicht wichtig werden k\u00f6nnte, dass ich auch nicht so machen wollen w\u00fcrde. Egal wo ich bin komme ich an diesen Punkt, wo ich meine Solidarit\u00e4ten finde und die Probleme, was drinnen thematisiert und angegriffen werden muss. Das kann ich nicht alleine machen, da meine eigene Praxis dabei mitreflektiert und eventuell ver\u00e4ndert werden muss.<\/p>\n<p>Das andere ist, dass gewisse Situationen einen entscheidenden Einfluss auf meine Entwicklung als Person genommen haben. Die ganze Sache 1999\/2000, als die FP\u00d6, (eine rechtspopulistische Partei mit N\u00e4he zum NS Gedankengut)Teil der \u00f6sterreichischen Bundesregierung geworden ist, das hat mein Leben komplett ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><em>Krenn: Die interessanteste Erfahrung war f\u00fcr mich die sogenannte Donnerstag Demo. Jeden Donnerstag trafen sich Leute am Ballhausplatz, dem Sitz des Bundeskanzleramtes und zogen entlang unterschiedlicher Routen durch die Stadt. Das war f\u00fcr mich etwas v\u00f6llig Neues in \u00d6sterreich. Ich hatte kurzzeitig das Gef\u00fchl, dass in diesem Land tats\u00e4chlich eine Regierung gest\u00fcrzt werden kann, wenn die Leute sich auf der Stra\u00dfe organisieren. Und es gab auch parallel dazu ein B\u00fcndnis wie Gettoattack, ein Zusammenschluss von K\u00fcnstlerinnen, Kulturschaffenden und Aktivistinnen, die Aktionen gegen die Koalitionsregierung starteten, an welchen wir beide ja auch beteiligt waren. <\/em><\/p>\n<p><em>Vielleicht kommen wir nun zu dieser Verbindung zwischen dem Kunstbetrieb, den Kunstinstitutionen mit den unterschiedlichen Formen von Aktivismus, sowie sozialen K\u00e4mpfen. Wie kann so eine Verbindung konkret aussehen. Wie kann Kunst und Aktivismus im Ausstellungszusammenhang miteinander produktiv verbunden werden? Wir k\u00f6nnen auch konkret auf die Kirchenbesetzung durch Fl\u00fcchtlinge in Wien und eine dazu abgehaltene Akademie-Veranstaltung zu \u00a0sprechen kommen. Du hast dich darauf in deinem Text <\/em>Taking time together<a name=\"_ftnref1\"><\/a><a href=\"#_ftn1\"><strong><em>[1]<\/em><\/strong><\/a><em> bezogen.<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Also, wie kann diese Verbindung aussehen. Ich glaub es gibt nicht eine allgemeine Antwort darauf, sondern nur viele konkrete Antworten. Wir beide haben ja gemeinsam viele solche \u201eAntworten\u201c erlebt. Ich glaube Repr\u00e4sentationskritik ist ein wesentlicher Bestandteil von Aktivismus, der an Institutionen herangetragen wird. Im Fall der ethnographischen Museen zum Beispiel w\u00e4ren das R\u00fcckgabeforderungen, aber auch Forderungen von Umbenennungen von Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen im \u00f6ffentlichen Raum. Da finde ich es selbstverst\u00e4ndlich, dass das was herangetragen wird, ernst genommen und auch in Kooperation umgesetzt wird. Das w\u00e4re eine erste und sehr einfache Kooperation zwischen Institutionen und Aktivismus. Zu h\u00f6ren, was es da an Forderungen an Institutionen gibt und zu entscheiden, was davon sinnvoll erscheint. Zweitens, gibt es das, was sich aus sich heraus ergibt. Aufgrund der Zusammenarbeit von Leuten, von denen ja viele beides sind, AktivistInnen und Personen, die institutionell verankert sind. Dazu z\u00e4hlen ja auch wir beide. Ich w\u00fcnsche ich mir, dass es mir gelingt durch ernsthafte Arbeit an Fragen, die mich besch\u00e4ftigen, einen Kontext herzustellen, indem Forderungen formuliert werden, auftauchen, oder an mich herangetragen werden. Oder eben, wenn es nicht Forderungen sind, dass Momente der Politisierung entstehen, Aspekte der Organisation, f\u00fcr die ich n\u00fctzlich sein kann. Ich bin in einen bestimmten Kontext an diese Universit\u00e4t in Helsinki gekommen, wo ich nichts neu erfinden muss, weil es hier ja schon Dinge gibt, und diese Dinge sich mit mir verbinden. Lokale Aktivismen verbinden sich ohne mein Zutun mit meinen Fragen. Durch dieses Aufeinandertreffen von meiner bisherigen Arbeit mit dem was hier passiert, wird eine Struktur ausverhandelt. Welche Rolle kann eine Institution, ein Kontext, eine Universit\u00e4t, ein kleiner Raum, eine Biennale, oder was auch immer in spezifischen lokalen K\u00e4mpfen, aber auch in globalen transnationalen K\u00e4mpfen spielen? Das interessiert mich. Das glaube ich, ist die Aufgabe von einer Kuratorin, die sich an der Schnittstelle zwischen konkreten Aktivismen und k\u00fcnstlerischen, sowie institutionellen Fragen versteht. Das erhoffe ich mir auch in Bergen, wo ich als Kuratorin arbeiten werde. Dort m\u00f6chte ich ein Kaffeehaus machen, wo ich hoffe, dass wir immer mehr werden, 15 Leute sollen dann am Ende mit mir dort arbeiten. Und dass ich Leute treffen werde, die sich dort auch als Aktivistinnen oder eben auch als organische Intellektuelle, oder als Vermittlerinnen verstehen. Und dass die selber auch Fragen haben. Dass diese lokalen Fragen, das was eben wichtig ist, sich aushandeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Krenn: Man k\u00f6nnte in diesem Sinne politische Kunst oder politisches Kuratieren zwischen Dissens und Zusammenarbeit ansiedeln. Einerseits handelt es sich um Ungehorsam gegen\u00fcber bestehenden Machtverh\u00e4ltnissen, andererseits und eng damit verbunden geht es um das gemeinsame Erarbeiten konkreter Inhalte, Strategien und Ziele. Dabei k\u00f6nnen spezifische \u00e4sthetische Erfahrungsr\u00e4ume entstehen. (Um diese theoretisch erfassen zu k\u00f6nnen, b\u00f6te sich beispielsweise das Konzept der \u201eDialogical Aesthetics\u201c von Grant Kester an.) Problematisch ist es, wenn Dissens und k\u00fcnstlerische Autonomie gegen Zusammenarbeit und partizipatorisches Arbeiten ausgespielt wird. So als ob sich der\/die K\u00fcnstlerIn f\u00fcr das eine oder das andere entscheiden m\u00fcsste. Es ist m\u00f6glich eine k\u00fcnstlerische Autonomie zu wahren und trotzdem mit Leuten mit nicht-k\u00fcnstlerischen Hintergr\u00fcnden zusammen zu arbeiten. Es gibt genug Beispiele dazu in der partizipatorischen, kooperativen und sozial engagierten Kunst der letzten Jahrzehnte. Man denke nur an das Hamburger Projekt Park Fiction. Die spezifischen Methoden, das Vokabular, und die Strategien konnten nur aus einem k\u00fcnstlerischen Autonomieverst\u00e4ndnis heraus entwickelt werden. Ich denke auch, dass eine Trennung von Kunst und Politik in zwei v\u00f6llig voneinander unabh\u00e4ngige Bereiche unm\u00f6glich ist. Dies ginge nur, wenn es einen politikfreien Raum g\u00e4be, in welchem reine Kunst stattfinden k\u00f6nnte. Sergej Tretjakows Buch Feldherren aus den 1930er Jahren ist vielleicht eines der ersten Werke, dass sehr deutlich sowohl konkret als auch theoretisch darlegt, welche M\u00f6glichkeiten sich f\u00fcr einen K\u00fcnstler ergeben, wenn er sich an einen Ort begibt, ohne vorgefasste Vorstellungen mitzubringen. Also erst einmal zu schauen, was da eigentlich passieren kann. Tretjakow fragte sich: Wie funktioniert die Kollektivierung der Landwirtschaft, wie kann ich mich als Schriftsteller politisch einklinken, mit meinen M\u00f6glichkeiten mit meinem Wissen mit meinen F\u00e4higkeiten. Das hie\u00df dann in den 1930er Jahren bei Tretjakow etwa eine Wandzeitung zu machen. Gleichzeitig musste er aber etwas \u00fcber die Landwirtschaft vor Ort lernen. \u00dcber die Bek\u00e4mpfung der Heuschreckenplagen und mit der B\u00fcrokratie in Moskau. Tretjakow schreibt deshalb in seinem Buch, dass es nicht gen\u00fcgt, als Schriftsteller einfach nur die Verh\u00e4ltnisse vor Ort zu beschreiben, sondern dass man sich auf die Verh\u00e4ltnisse einlassen m\u00fcsse. Walter Benjamin schreibt mit Bezug auf Tretjakow, dass es bei politischer Kunst darum gehe, sich in die Produktionsverh\u00e4ltnisse zu involvieren. Es gibt da eine Szene in Tretjakows Buch, welche ich auch f\u00fcr den Film <\/em>Feld-Herren Revisited <em>aufgegriffen habe, in welcher der Agrarkommissar zu Tretjakow, den er f\u00fcr einen Ausfl\u00fcgler h\u00e4lt, sagt, \u201eGenosse, die Ausfl\u00fcgler sind eine Plage f\u00fcr die Kommune. [&#8230;] Die Befriedigung der W\u00fcnsche der Ausfl\u00fcgler ist doch auch eine zeitraubende Arbeit. Man kommt ja in die Kommune gefahren wie auf eine Ausstellung.\u201c Tretjakow entgegnet, dass er sich n\u00fctzlich machen m\u00f6chte, der Agrarkommissar sieht ihn ungl\u00e4ubig an, offenbar war ihm bisher so eine Einstellung bei einem K\u00fcnstler\/Schriftsteller noch nicht untergekommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich finde dieses Ph\u00e4nomen l\u00e4sst sich auf heute \u00fcbertragen. Es ist doch immer noch so, dass viele Leute Kunst als eine nutzlose Angelegenheit, bestenfalls als Freizeitbesch\u00e4ftigung ansehen. Ich merke das, wenn ich im \u00f6ffentlichen Raum arbeite und mit Leuten auf der Stra\u00dfe diskutiere. Nach wie vor ist die Meinung weit verbreitet, dass Kunst nichts mit Politik oder sozialem Engagement zu tun haben soll.<\/em><\/p>\n<p><em>Was bedeutet es f\u00fcr die Kunst, wenn K\u00fcnstlerInnen sich in gesellschaftliche Prozesse involvieren? Was passiert, wenn man woanders ist und aus dem \u201evertrauten Kunstfeld\u201c herauszutritt? Welche spezifischen M\u00f6glichkeiten ergeben sich, wenn man mit einer Gruppe arbeitet? Welche Abh\u00e4ngigkeiten entstehen durch eine Zusammenarbeit? Wie l\u00e4sst sich die k\u00fcnstlerische Autonomie aufrechterhalten? Ein Begriff, der mir in diesem Zusammenhang immer wichtiger wird, ist jener der Solidarit\u00e4t. Vielleicht k\u00f6nnen wir uns damit auseinandersetzen. Was bedeutet f\u00fcr dich Solidarit\u00e4t?<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Ich m\u00f6chte mich hier auf Oliver Machart beziehen, der dazu gearbeitet hat, und dabei klargemacht hat, dass es eine identit\u00e4re Perspektive auf diesen Begriff gibt, also Solidarit\u00e4t unter einem politischen Subjekt, das sich als solches versteht: ProletarierIn, MigrantIn &#8230; und eine Solidarit\u00e4t, die er als \u201eSelbstentfremdung\u201c bezeichnet und als Verrat an der eigenen Identit\u00e4t, oder an der eigenen Klasse, versteht. Und diese Form der Solidarit\u00e4t finde ich besonders interessant. Also die Kraft dieses Begriffs der Solidarit\u00e4t besteht darin, Zugeh\u00f6rigkeiten zu durchkreuzen. Das ist es, was mich daran interessiert. Wissend, dass sehr viele Gefahren damit verbunden sind, die wichtigste und auch am meisten angesprochene Gefahr, ist jene des Paternalismus. Wenn ich z.B. als Professorin f\u00fcr andere sprechen w\u00fcrde. Zwar kann meine Autorinnenschaft von anderen gen\u00fctzt werden, aber dennoch \u00fcberschreibt sie gleichzeitig andere minorit\u00e4re Positionen. Mit ihr schwingt eine Komponente von Ausbeutung von symbolischem Kapital, von Schicksalen, von K\u00e4mpfen usw&#8230; Das ist aus meiner Sicht die gr\u00f6\u00dfte Gefahr, die damit verbunden ist. Das andere ist f\u00fcr mich auch die Notwendigkeit dar\u00fcber zu reden, wie anstrengend und schwierig es ist diese \u00dcberschreibung zu verhindern und wieso es so selten vorkommt, dass obwohl auch dann, wenn es zahlreiche kollaborative Projekte in einer Gruppenkonstellationen gibt, am Ende die Gruppenkonstellation selbst die gleiche bleibt. Wieso bleiben meistens die wei\u00dfen Gruppen, die sich f\u00fcr schwarze Rechte einsetzen, am Ende doch noch wei\u00df? Wie zum Beispiel Trafo K., oder andere Gruppen im Migrationsbereich. Wieso ist das so? Und was hat das mit den bestehenden Machtverh\u00e4ltnissen zu tun? Es gibt viele offizielle Kontexte, in denen wir Ver\u00e4nderungen einfordern, wo das teilweise scheitert und teilweise gelingt. Das <em>wir<\/em>, das es fordert, ist ein solidarisches <em>wir<\/em>. Ich stelle mir die Frage inwieweit kann ich \u00fcberhaupt grunds\u00e4tzliche anti-diskriminitatorische \u00c4nderungen und Gleichbehandlungen in einer Institution fordern, wenn es innerhalb meiner Kolleginnenschaft nicht gelingt, die Menschen f\u00fcr welche wir uns einsetzen, im Basisteam zu integrieren. Das scheint eine zweite Gefahr zu sein. Und die liegt dann auch darin, dass ich gelernt habe, auf jeden Fall nicht mehr f\u00fcr andere zu sprechen. Damit kann ich mich aber auch ganz gut raus ziehen. Ich bleibe solidarisch, ziehe mich aber wieder raus aus einer Kampagne und widme mich anderen Dingen. Ich kann dadurch wieder besser meiner Karriere folgen, weil ich ja nicht permanent durch Rassismus aufgehalten werde, wie meine Kolleginnen. Das sind halt zwei Fragen, die ich mir stelle: Inwiefern profitiere ich erstens davon und zweitens dennoch.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Solidarit\u00e4t. Dieser Begriff ist trotzdem sehr wichtig f\u00fcr mich, nichts anderes ist f\u00fcr mich denkbar. Politik ohne Solidarit\u00e4t ist f\u00fcr mich weder vorstellbar noch interessiert mich eine solche, weil ich erstens nicht w\u00fcsste, welche Identit\u00e4t es w\u00e4re, f\u00fcr die ich mich jetzt alleine einsetzen m\u00f6chte und ich mich zweitens nicht nur unter Gleichen sehen m\u00f6chte. Weil ich mir wirklich zutiefst w\u00fcnsche, dass ich im Fall von Antisemitismus nicht alleine f\u00fcr mich eintreten muss, aber ich will auch nicht in einer rassistischen Welt leben, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Sprache oder ihrem Herkunftsland diskriminiert, auch wenn ich davon nicht betroffen bin. Deshalb kann ich mir Politik nicht anders, als solidarisch vorstellen. Ich w\u00fcrde es noch paternalistischer finden, nicht mit anderen zusammen zu arbeiten, also selber zu glauben zu wissen, wie es richtig ist. Im kulturellen Feld gibt es eine klassische Tendenz zur Reproduktion der B\u00fcrgerlichkeit und des Elit\u00e4ren. Und da denke ich mir, wenn ich mich nicht massiv herausfordern lasse durch solidarische Zusammenarbeit, dann w\u00fcrde ich selbst ganz automatisch diese Reproduktion vorantreiben. Entweder ich verstehe meine Praxis solidarisch, oder ich kann sie gleich vergessen. Es gibt noch einen zweiten Grund: Ich glaube, es k\u00f6nnen diese konkreten K\u00e4mpfe weder nur au\u00dferhalb der Institutionen noch nur innerhalb der Institutionen stattfinden. Sie finden glaube ich auf eine widerspr\u00fcchliche Weise und auf Basis ganz vieler verschiedener Faktoren statt. Die konkreten K\u00e4mpfe finden in den Institutionen sowohl offen als auch subversiv statt, aber man findet sie auch au\u00dferhalb der Institutionen im Protest, im allt\u00e4glichen Widerstand usw.. Es sind widerspr\u00fcchliche und das innen und au\u00dfen durchkreuzende Aspekte die da zum Tragen kommen. Das kann man nun auch konkret auf die Besetzung der Akademie durch die Refugees \u00fcbertragen. Die Akteurinnen darin haben nicht so eindeutige Positionen in Bezug auf das Innen und Au\u00dfen wie es auf den ersten Blick scheint. Sie haben eine Position, die sowohl das Innen als auch das Au\u00dfen verschiebt und durchkreuzt. Das glaube ich, weil ich beispielsweise innerhalb einer Institution auch immer in gewisser Weise ihre Interessen habe. Deshalb halte ich es f\u00fcr wesentlich, diese Durch-Kreuzung durch Organisation zu leben. Manchmal offener, manchmal auch weniger offen. Mit weniger offen meine ich, dass ich es selber manchmal nicht wissen will, was gerade vor sich geht, weil es mich als Teil der Institution in einen Widerspruch bringt. So gesehen ist Solidarit\u00e4t f\u00fcr mich einerseits eine Grundbedingung und andererseits eine Frage konkreter Strategien.<\/p>\n<p><em>Krenn: Impliziert der Begriff der Solidarit\u00e4t vielleicht auch die Unm\u00f6glichkeit des Aufschubs des politischen Handelns, sobald dieses in einer bestimmten Situation notwendig wird? In dem Sinne, dass Solidarit\u00e4t keine opportunistische Haltung zul\u00e4sst, man etwa nicht zu sich selbst sagen kann: \u201eNaja, jetzt muss ich im Interesse der Institution handeln und deshalb werde ich mich vorerst von gewissen politischen Situationen fernhalten, oder mich in gewisse Situationen nicht einmischen, obwohl es eigentlich meiner politischen \u00dcberzeugung nach notwendig w\u00e4re.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Das finde ich sch\u00f6n, wie du das beschreibst. Mir geht es auch um eine kritische Auseinandersetzung mit dieser st\u00e4ndigen Rede von \u201cenabling\u201c, das nervt mich. Weil davon ausgegangen wird, dass die Institution etwas hat und jemand anderer es braucht. Das ist aber nicht der Fall. Tats\u00e4chlich, wenn wir \u00fcber diese Frage reden, dann gibt es diese K\u00e4mpfe immer schon und die Frage ist, wie Institutionen sich zu ihnen positionieren. Stehe ich solidarisch dazu? Das w\u00e4re \u00fcberhaupt erst mal die Bedingung aus der heraus ich agieren kann, wenn ich mich an dieser Schnittstelle zwischen Institution und Aktivismus verstehe. Also, als organische intellektuelle, fahre ich jetzt nicht dorthin und erkl\u00e4re den Leuten, wie sie Politik machen sollen, zum Beispiel in eine Kolchose, oder wo auch immer. Sondern ich lerne was Politik \u00fcberhaupt ist vor dem Hintergrund der bestehenden sozialen K\u00e4mpfe. Das hei\u00dft nicht, dass ich keine eigene Position habe. Im Gegenteil ich habe eine und will sie so ernsthaft wie m\u00f6glich vorantreiben. Ich glaube eben auch, dass es am ernsthaften Vorantreiben meiner Position liegt, dass Leute \u00fcberhaupt zu mir kommen. Mein Wunsch w\u00e4re, dass mir jemand aus der Kolchose ein E-Mail schreibt und sagt, dass er sich etwas von mir w\u00fcnscht, dass er zu mir kommt oder ich ihn besuchen soll. Ich habe eine abwartende Solidarit\u00e4t, weil ich mich dann besser vorbereiten kann. Auf diese Art und Weise bin ich dann mehr herausgefordert, das was ich kann, auch wirklich konkret einzusetzen. Da sind wir vielleicht wieder bei der M\u00f6glichkeit. Ich will es noch nicht vorher wissen, wie ich solidarisch sein werde.<\/p>\n<p><em>Krenn: Ich glaube man kann ja nur solidarisch handeln, wenn man bereit ist, sich auf das Unbekannte einzulassen. Sonst w\u00e4re es ein paternalistisches Handeln.<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Das meine ich, glaube ich.<\/p>\n<p><em>Krenn: Ich glaube aber auf der anderen Seite, dass diese Angst f\u00fcr jemanden zu sprechen, auch ein Problem sein kann. Unter bestimmten Umst\u00e4nden, muss man aus Zeitgr\u00fcnden, oder aus institutionellen Zw\u00e4ngen heraus, kurzfristig f\u00fcr jemanden das Wort ergreifen und f\u00fcr ihn\/sie sprechen. Das Schweigen kann schlie\u00dflich auch Ungerechtigkeit legitimieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Denkst du, dass es zum Beispiel als verantwortliche Person in einer Universit\u00e4t richtig w\u00e4re, spontan f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge das Wort zu ergreifen, auch wenn diese gerade die Universit\u00e4t besetzen? Das w\u00e4re doch ein Zeichen von Solidarit\u00e4t.<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Mich hat jemand gefragt, ob er diesen Ausstellungsraum hier in der Aalto Universit\u00e4t besetzen kann und zwar im Rahmen des Ausstellungsprogramms. Ich habe gesagt: Es gibt zwei M\u00f6glichkeiten, du m\u00f6chtest eine Ausstellung machen, daf\u00fcr gibt es hier guidelines da kannst du dich dahin wenden, und dann wirst du halt genauso, wie alle anderen, die hier eine Ausstellung machen wollen, behandelt. Oder du m\u00f6chtest diesen Raum besetzen, dann kannst du mich das aber nicht fragen und ich kann es auch nicht f\u00fcr dich entscheiden. Wenn du den Raum besetzt hast, kann ich mich zwar dazu solidarisch verhalten, aber wenn dir diese Besetzung gelingt, dann bist du <em>the ruler of the space<\/em>. Das w\u00e4re die Bedingung von Solidarit\u00e4t. Niemand kann eine Besetzung erlauben. Es gibt keine erlaubte Besetzung.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte ich auch im Zusammenhang mit der Akademiebesetzung so verstanden. Da war es inhaltlich ganz klar, warum die Refugees die Aula der Akademie besetzten. Ich stelle mir oft vor, wie ich in so einem Fall handeln w\u00fcrde, sollte ich eine verantwortliche Person f\u00fcr die Akademie sein. Und wenn ich das w\u00e4re, f\u00e4nde ich es wichtig, zu wissen wo ich stehe. Im doppelten Sinn des Wortes, also als Verantwortliche und als solidarische Verantwortliche. Es geht nicht darum, in alles einbezogen zu werden bzw. von den BesetzterInnen im Vorfeld ins Plenum eingeladen zu werden. Im Gegenteil, f\u00fcr mich ist das wichtigste beim solidarischen Handeln, dass ich wei\u00df, wo meine Position ist. Aus der heraus kann ich sprechen und agieren. Ich kann deshalb eigentlich in bestimmte Dinge nicht involviert werden, sonst w\u00e4re ich unsolidarisch, andererseits kann ich, wenn bestimmte politische Dinge passieren, wenn eine politische Konstellation zu Stande kommt, wo Machtverh\u00e4ltnisse in Frage gestellt werden, mich dennoch dazu positionieren.<\/p>\n<p><em>Krenn: Deshalb finde ich diesen Begriff der Solidarit\u00e4t so wichtig, da er ein integraler Bestandteil jeglichen politischen Handelns ist. Ab dem Moment, wo man den Begriff der Solidarit\u00e4t ernst nimmt, muss man sich mit dem auseinandersetzen was gerade passiert, auch wenn das unbequem sein kann. Nur so kann man sich mit einer Gruppe solidarisch erkl\u00e4ren und politisch handeln. Ich verstehe aber auch deinen Punkt. Du kannst nicht den Ort f\u00fcr den du verantwortlich bist, solidarisch mitbesetzen, weil du ja schon in ihm drinnen sitzt.<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Ich kann ihn nicht besetzen, er kann nur besetzt werden &#8230; Ich besetze ihn eben nicht, sonderlich ich bin Teil der Institution, deren Funktion ich inne habe. Ich kann nicht gleichzeitig Institution und die Besetzerin sein.<\/p>\n<p><em>Krenn: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich glaube er wird oft vernachl\u00e4ssigt. Manche glauben dann, sie w\u00e4ren die besseren Aktivisten, nur weil sie eine Machtposition in einer Institution inne haben.<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Ja, das halte ich leider oft f\u00fcr absolut unsolidarisch.<\/p>\n<p><em>Krenn: Es geht also darum in einer bestimmten Situation institutionelle Grenzen anzuerkennen, weil sie im Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis unverr\u00fcckbar sind.<br \/>\n<\/em>Sternfeld: Oder nur durch das Ereignis verr\u00fcckt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Krenn: Solidarisches Handeln w\u00fcrde dann darin bestehen, mit diesen Grenzen zu arbeiten und nicht so zu tun, als g\u00e4be es sie nicht. Konkret auf die Akademie-Situation bezogen, w\u00e4ren du oder ich diejenigen, die den Raum repr\u00e4sentieren, k\u00f6nnten wir ihn auch nicht mit anderen besetzen. Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass sobald der Raum besetzt ist, man sich dennoch mit den BesetzerInnen solidarisch erkl\u00e4ren kann. Aber wie soll das dann funktionieren?<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Ja, also ich w\u00fcrde eher so sagen, im Hinblick auf das Potenzial eines Niederrei\u00dfens der Grenzen, kann nicht so getan werden, als w\u00e4ren sie schon vorher niedergerissen. Was f\u00fcr mich extrem wichtig ist: Eine Besetzung ist ein politischer Akt, der die Machtverh\u00e4ltnisse durch den Akt der Besetzung au\u00dfer Kraft setzt. In dem Moment, wo die Aula der Akademie besetzt ist, sind die Verhandlungspartnerinnen der Rektorin die Besetzerinnen der Aula. Ansprechpartnerin ist dann nicht mehr irgendeine Professorin, die sich im Zusammenhang mit der davor stattgefundenen Veranstaltung, f\u00fcr die Aula verantwortlich erkl\u00e4rt hat. Sie hat in einer solchen Situation nichts mehr zu bestimmen, weil eine Besetzung bedeutet, dass sich die BesetzerInnen das Recht \u00fcber diesen Raum und seinen Regeln aneignen. Was aus dieser Situation heraus passiert das ist einfach offen. Wir befinden uns in diesem Moment in einem M\u00f6glichkeits-Raum.<\/p>\n<p>Es gibt eine Grenze zwischen der Institution und den Besetzerinnen, wenn eine Kunstinstitution die Besetzerinnen zum Besetzen einl\u00e4dt, wird es nie eine richtige Besetzung werden, sondern immer auch ein bisschen eine Ausstellung, welche verhindert, dass die Besetzung ihre volle Macht entfalten kann, solange bis es eventuell zu einer R\u00e4umung kommt, welche ja verhindert werden soll.<\/p>\n<p><em>Krenn: Im Zusammenhang mit der Verhinderung einer polizeilichen R\u00e4umung treffen sich die Interessen zwischen den Leuten, die f\u00fcr die Institution verantwortlich sind und den Besetzerinnen. An der Akademie handelte es sich um eine Veranstaltung, zu welcher die Refugees tats\u00e4chlich eingeladen wurden&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Ich finde, das war eine Veranstaltung, die auf eine sehr kluge Weise mit dem Innen und Au\u00dfen und mit den radikalen Diskursen operiert hat. Das finde ich hervorragend. Auf jeden Fall ist es daraufhin zu einer Besetzung gekommen.<\/p>\n<p><em>Krenn: Vermutlich handelte es sich um eine Eigendynamik, die bis zu einem gewissen Grad auch als eine logische Konsequenz der Veranstaltung gesehen werden kann. \u00a0Solidarisch zu sein, w\u00fcrde bedeuten, das politische Handeln des anderen, also die Besetzung, anzuerkennen.<\/em><\/p>\n<p>Sternfeld: Anzuerkennen, ja absolut &#8230; Strategisch ist es wohl am besten, zu sagen: Es ist nicht in meiner Macht hier die Inhalte zu bestimmen. Die Inhalte bestimmen die Besetzerinnen. Ich kann nur sagen, ich bin hier verantwortlich f\u00fcr diese Institution und diese Institution ist ein Ort, in dem nicht die Polizei gerufen wird. Was die Inhalte betrifft, habe ich aber hier eine Kollegin von den Besetzerinnen und freue mich sehr auf sie verweisen zu k\u00f6nnen. Das w\u00e4re auch mein Wunsch in Bezug auf die Besetzung hier an der Universit\u00e4t, dass eine damit verbundene Erm\u00e4chtigung auch tats\u00e4chlich stattfinden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Excerpt from <em>Taking time together<\/em> by Nora Sternfeld (2014): \u201cArt and Activism are very much thought of together and are much debated at the Academy of Fine Arts Vienna. As an example I would like to draw attention to a political moment in autumn 2013: On 29 October 2013 a discussion with the title \u201cArt, Activism, Academy\u201d was announced, to be held in the main hall of the Academy of Fine Arts, with activists from the Refugee Protest Movement Vienna, as well as teachers and students: \u201cThe Academy\u2019s frequent involvement in the ongoing refugee protests is characterized by the active participation of students and teachers since it began in autumn 2012. The initiative Kunst_Kultur: Stop Deportation \u2013 a platform for supporters connected with the Academy of Fine Arts \u2013 has drawn attention to the situation and the demands of refugees, and shown solidarity through a variety of activities. The active exchange that began at events such as a solidarity picnic in Vienna\u2019s Servite Monastery will continue and be renegotiated in an effort to mobilize the wider public. The current dynamics of the refugees\u2019 resistance require constant networking in order to achieve solidarity between the different struggles.\u2019<\/p>\n<p>&#8211; Rex Osa, refugee activist (D). Join the Vienna Refugee Protest Movement! Participate in the discussion on the future of the movement!\u201d After the meeting on October 29, activists from the refugee protest movement in Vienna occupied the Academy. \u201cThey forced us to live in a basement. Somehow they want to do the same with the movement. And today they kicked us out of the Kloster [monastery].\u201d the refugees write in a declaration to the Rector of the Academy of Fine Arts, \u2019Academy employees, professors, students, activists, friends, old and future supporters\u2019. It closes with the following paragraphs: \u2018The strategy of the church was to make the protest smaller and smaller. And now? They want to split us up to their pensions and bring us back to the point where we started. But we won\u2019t go back! As the University had already shown strong solidarity we decided to look for support here. And stay here. We need a public place! The protest needs to be seen! We need to bring the protest to the universities. At the same time we want to look for an autonomously run building where we also have rooms for other refugee activists and supporters, which will be the centre of the movement in the future. Dear friends! Support us in resisting these laws! The authorities will not silence us! We want legal status, or they should erase our fingerprints. Those are our demands! We will fight! Only together can we rise. Let\u2019s start organizing again!\u2019 cf. <a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/en\/node\/98345\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/linksunten.indymedia.org\/en\/node\/98345<\/a>. The Rector of the Academy, Eva Blimlinger, immediately declared that she wants the refugees to leave \u2013 which they had to do after an ultimatum on November 4.\u00a0<a href=\"http:\/\/refugeecampvienna.noblogs.org\/post\/2013\/11\/04\/letter-from-the-academy-briefvon-der-akademie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/refugeecampvienna.noblogs.org\/post\/2013\/11\/04\/letter-from-the-academy-briefvon-der-akademie<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Transcript of the entire interview by Martin Krenn with Nora Sternfeld, Node Gallery Aarhus, 30 Oct. 2014 (German) &nbsp; Krenn:<span class=\"ellipsis\">&hellip;<a href=\"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/?page_id=1862\"> Continue Reading &#8250;&#8250;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"templates\/full-width-offset.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1862","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1862","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1862"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1862\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2021,"href":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1862\/revisions\/2021"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/martinkrenn.net\/the_political_sphere_in_art_practices\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1862"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}