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Geld verdienen
mit Häftlingen: Konzern schnappt sich die Welser Justizanstalt
WELS. Der Gefängnisbetreiber
European Corrections Corporation (EUCC) will die Welser Justizanstalt
übernehmen und groß ausbauen. Das Projekt dazu wird derzeit im Rahmen
des "Festivals der Regionen" auf dem Stadtplatz präsentiert.
In den USA werden Gefängnisse bereits seit den 80er-Jahren privat
errichtet und geführt. Auch in England setzt sich dieser Trend durch.
In Großbritannien wurde seit der Öffnung des Gefängnissystems für
private Konzerne keine einzige staatliche Strafanstalt errichtet.
Private Justizvollzugsanstalten gibt es auch in Kanada und Australien.
In den USA haben Konzerne wie Wackenhut oder Corrections Corporation
of America (CCA) diese Anstalten regelrecht industrialisiert. Die
Insassen arbeiten zu günstigsten Tarifen, stecken Computer-Systeme
- etwa für Microsoft - zusammen oder stellen beispielsweise Jeans
der Marke "prison blues" her. Die Gefängnisbetreiber werden vom
Staat für die Unterbringung der Häftlinge bezahlt, daraus ergibt
sich (noch) der finanzielle Hauptgewinn. Nun soll sich diese Idee
auch in Kontinental-Europa durchsetzen.
In Österreich will EUCC mit zwei Projekten in Graz und Wels starten.
Wels wurde deshalb ausgewählt, weil das Projekt auch für kleinere
Städte beispielgebend ist und Wels durch seine hervorragende Verkehrslage
in Österreich prädestiniert für dieses Zukunftsprojekt ist. Die
beiden Österreich-Geschäftsführer des Konzerns, Oliver Ressler und
Martin Krenn erklären: "Das Gefängnis wird kräftig ausgebaut, die
Haftplätze verdoppelt. Zusätzlich wird eine Fabrikshalle gebaut."
Werte Leser, schreiben Sie uns Ihre Meinung zu einem privatisierten
Welser Gefängnis unter e-mail: gefaengnis@oon.at,
oder Stadtplatz 41, Wels
OÖNachrichten
vom 30.06.2003
Privatisiertes Gefängnis ist ein Kunstprojekt
WELS. Auf dem Stadtplatz ist ein Container aufgestellt. Dort gibt es Informationen über ein privatisiertes Welser Gefängnis. Dabei handelt es sich um ein Kunstprojekt von Oliver Ressler und Martin Krenn.
OÖN: Wie sind die Reaktionen auf Ihr Projekt?
Ressler: Die sind unterschiedlich. Viele Passanten halten
eine mögliche Privatisierung des Welser Gefängnisses für ein reales
Zukunftsszenario. Unser Projekt ist so angelegt, dass man diesen
Eindruck bekommen kann. Vor dem Hintergrund einer rapid ansteigenden
Gefangenenrate in Österreich ist diese Entwicklung hierzulande durchaus
vorstellbar. Bei Gesprächen mit Welsern fiel uns auf, dasss eigentlich
fast alle gegen eine Gefängnisprivatisierung sind.
OÖN: Wie schaut ihre künststlerische Strategie bei diesem
Projekt aus?
Krenn: Durch die Sichtbarmachung der Architektur und der
Disziplinierungsmechanismen wollen wir das Gefängnis an sich in
Frage stellen. Im Inneren des Containers spricht der Gefängnisaktivist
Mark Barnsley in einem Video über seine achtjährigen Erfahrungen
als Gefangener in privaten und staatlichen Gefängnissen in England.
Er analysiert die Wirkungsweisen des gefängnisindustriellen Komplexes
und zeigt Widerstandstechniken innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern
auf. Das Video bietet Informationen, wie man sie in üblichen Medieninformationen
kaum findet.
OÖN: Was ist Ihr künstlerisches Anliegen?
Ressler: Uns interessiert es, mittels künstlerischer Interventionen
im öffentlichen Raum Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen
und die Mechanismen, die diese aufrechterhalten, zu untersuchen
und zur Diskussion zu stellen. Das Gefängnis ist eine Institution
des Staates, ein ideologischer Staatsapparat.
Wenn dieses nun von privaten Konzernen übernommen wird, entsteht
eine besondere Situation: Der Staat bezahlt ein privates Unternehmen
dafür, möglichst kostengünstig die von der Norm abweichenden Bürger
wegzusperren.
Da es den Konzernen natürlich darum geht, Profite zu maximieren und nicht Gefangene zu resozialisieren, wird das Gefängnis nun zu einem Ort der reinen Abschreckung und Bestrafung.
OÖN: Wie definieren Sie ihre Rolle in diesem Projekt?
Krenn: Wir sind Künstler und natürlich keine Konzernmanager.
Der Konzern European Corrections Corporation (EUCC) wurde von uns konstruiert, um die Machtbestrebungen von Gefängniskonzernen wie zum Beispiel CCA oder Wackenhut offenzulegen und damit weiteren Privatisierungstendenzen entgegenzuwirken.
EUCC ist als Konzern nicht registriert, er zeigt die gewalttätigen und rücksichtslosen Methoden privater Gefängnisbetreiber auf und unterstützt Widerstandsgruppen. Uns geht es darum, mittels der Kunst Freiräume zu schaffen.
OÖNachrichten vom 4.07.2003
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